Über die Ehe

John Stuart MILL (1806-1873)

Ich will nicht versuchen, zu beschreiben, was die Ehe sein kann zwischen zwei Personen von gebildetem Geiste, übereinstimmend in ihren Ansichten und Zielen, zwischen denen die beste Gleichheit, die es geben kann, besteht, Ähnlichkeit der Kräfte und Fähigkeiten mit gegenseitiger Überlegenheit, so daß jeder abwechselnd sich den Luxus zu verschaffen vermag, zu dem Andern emporzusehen, und abwechselnd das Vergnügen haben kann, auf dem Pfade der Entwicklung das Amt des Führenden zu übernehmen oder geführt zu werden. Denjenigen, welche es begreifen können, brauche ich es nicht zu beschreiben. Denjenigen, die das nicht vermögen, würde die Beschreibung doch als der Traum eines Enthusiasten erscheinen. Aber ich behaupte aus vollster Überzeugung, dies und dies allein ist das Ideal einer Ehe, und alle Ansichten, Gebräuche und Institutionen, welche eine andere Anschauung davon begünstigen oder die Vorstellungen darüber und das darauf bezügliche Streben nach irgend einer anderen Richtung lenken, mit welchen Vorwänden sie auch herausstaffiert sein mögen, sind doch nichts, als die Reliquien einer primitiven Barbarei.



John Stuart Mill.- Englischer Philosoph, verheiratet,- entwickelte ein System der Logik aus der Erfahrung - nicht aus der reinen Vemunft, vertritt in der Ethik, daß die Menschen das Glück als Ziel ihrer Handlungen anstreben sollten und alle Handlungen zum Nutzen ihres Glückes beurteilen sollten. - Mill reichte in einer Bill den Vorschlag der Änderung des Ehegesetzes im Unterhaus ein.


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© Karin Lechner, Barbara Jungbluth (Ziemke) am 08. Juli 2000